Ausnahmezustand im Paradies! Bin ich krank? Werde ich verrückt? Hilfe?

12. Februar 2014 at 14:12

Posted from Sabang, Aceh, Indonesia.

Ratlosigkeit hält Einzug. Seit einigen Tagen schon geht’s mir ausgesprochen komisch. Mir kommen wie zwanghaft immer wieder Gedanken, die mir in den letzten Jahren sehr selten kamen. Dazu mischen sich ungewohnte Gefühle, die das Ganze noch ins beinahe Absurde verstärken. Ich weiß gar nicht richtig, was das zu bedeuten hat. Womöglich werde ich verrückt. Geteiltes Leid ist ja halbes Leid. darum teile ich heute mich euch. Ich will gar nicht lang drum herum reden. Daher sag ich es einfach mal und hoffe, dass Ihr jetzt nicht schlecht von mir denkt:

Ich finde mein Leben fantastisch!

Puh, jetzt ist es raus! Ich weiß, Ihr denkt jetzt: Hat der ein Rad ab? Ich sag’s euch. Es geht noch weiter. Für wen das schon zu viel war, dem rate ich jetzt nicht weiterzulesen.

Ich bin ja gerade auf dieser Möchtegern-Paradies-Insel Pulau Weh in Indonesien. Palmen, blaues Meer und so. Heute morgen bin ich aufgewacht und dachte mir: ‚Das wird garantiert ein schöner Tag. Ich freue mich auf neue Abenteuer.‘ Bitte was?

Aber damit nicht genug. Ich stelle momentan mehrmals täglich fest, dass ich gute Laune verspüre und mich energiegeladen fühle. Klar gab’s früher auch mal seltene Hochphasen, die für Minuten oder gar Stunden anhielten. Doch schnell war ich wieder normal und fand mein Leben wieder gewohnt trist und konnte fleißig jammern.

Doch mittlerweile hält diese perverse Positivität schon mehrere Tage an. Es hört einfach nicht auf. Die Welt erscheint mir wie ein freundlicher, bunter Spielplatz. Jeder Tag macht mir wundervolle Geschenke, für dich ich auch noch dankbar bin. Ich finde den Haken einfach nicht. Da wird doch doch Hund in der Pfanne verrückt.

Es fühlt sich so eklig gut an, wenn ich morgens barfuß am Strand entlanggehe und mich die Sonnenstrahlen arschfrech im Gesicht kitzeln. Nicht mal die kleinen pieksigen Steine unter meinen Füßen stören mich mehr.

Das anfänglich abwechslungsarme und schlecht gewürzt empfundene Essen hier schmeckt mir plötzlich gut und ich kann gar nicht genug von den indonesischen Lokalspezialitäten bekommen. Und ich kann mich nicht mal mehr richtig aufregen, wenn der freundliche Einheimische vom Lokal nebenan doch ungelogen mein gesamtes Frühstück vergisst. Stattdessen reagiere ich wie ein schicksalsergebener Volldepp total gelassen. Geht’s noch?

Noch vor ein paar Wochen war ich auch ohne viel Aktivität immer so schnell erschöpft und brauchte meine langen Auszeiten. Derzeit bin ich die meiste Zeit des Tages mit beglückenden Tätigkeiten beschäftigt und freue mich sogar, wenn es noch mehr zu tun gibt. Man könnte fast behaupten, dass ich vom Leben nicht genug bekomme. Ich fange an meine Umgebung viel intensiver wahrzunehmen und genieße das zeitweise sogar.

Ganz ehrlich, ich frag mich schon, ob mich nicht jemand unter stimmungsaufhellende Drogen gesetzt hat oder ich unter einen seltenen Tropenkrankheit leide, zu deren Nebenwirkung vorübergehende Euphorie gehört. Immer wieder plagen mich unverhoffte Glücksmomente, wo ich mich früher in wohlig warme Zweifel und Ängste gekuschelt habe.

An sich sollte mir das ganze Thema schlaflose Nächte bereiten, aber Pustekuchen. Seit Neuem fange ich an abends zufrieden ins Bett zu fallen, durchzuschlafen und morgens von alleine pünktlich aufzuwachen. Das wird schon richtig gespenstisch.

Und mein Divemaster Kurs? Pah. Es läuft natürlich super. Ich komme gut mit den Aufgaben voran, bin ein brauchbares Mitglied eines tollen Teams und habe auch noch Spaß an dem Mist. Die ganzen so mühselig und akribisch zusammengesponnenen Selbstzweifel, was meine Fähigkeiten anbelangt, verpuffen einfach wie eine Seifenblase an einem rostigen Nagel und ich fühle mich an Ort und Stelle wohl und gut aufgehoben.

Mittlerweile beschwere ich mich schon lauthals darüber, dass ich nichts mehr finde, worüber ich mich beschweren könnte. Die Sonne (die gelbe Sau) scheint jeden verdammten Tag, mein momentaner Arbeitsplatz (das Meer) bietet ausgezeichnete Bedingungen (Sicht, Temperatur) und auf öde Tauchgänge kann ich lange warten. Immer muss was Spannendes passieren.

Das ist alles so neu, so fremd. Wie macht man das weg? Was soll ich nur tun? Meine ganze lieb gewonnene Depressivität einfach so dahin? Andauernd kommt die nervige Unbeschwertheit und lässt mich einfach lächeln, wo ich doch grimmig gucken will, um meine Ruhe zu haben, die ich nicht brauche. Ich versuche ja skeptisch zu bleiben und und sage mir immer wieder: „Halte durch. Das geht vorbei. Bald bist du wieder normal.“ Doch es fällt mir ehrlich schwer, daran zu glauben. Dabei sollte ich eingefleischter Gegenbeispielsortierer es doch besser wissen.

Und nun? Keine Ahnung! Für’s Erste hoffe ich einfach, innerlich dämlich grinsend, weiter, dass diese Phase schnell der Vergangenheit angehört. Euer Rat ist mir sehr willkommen.

Cheers!